Die Abruzzen liegen auf halber Höhe der Halbinsel an der adriatischen Seite, und ihre Geografie ist weit steiler, als der Ruf ihrer Weine vermuten lässt. Der Gran Sasso reicht fast auf dreitausend Meter und trägt den Calderone, den südlichsten Gletscher Europas; bis zur Küste sind es keine fünfzig Kilometer. Dazwischen liegen die Rebhügel, verteilt auf vier Provinzen: Chieti, aus dem allein der größte Teil des regionalen Weins kommt, dann Pescara, Teramo und, höher und kühler gelegen, L'Aquila.
Rote Sorte gibt es im Grunde nur eine, den Montepulciano, und er trägt den gesamten Ruf der Region. Sein Name verursacht das hartnäckigste Missverständnis des italienischen Weins: Montepulciano heißt auch eine toskanische Stadt, doch der dort erzeugte Vino Nobile ist Sangiovese und hat damit nichts zu tun. Aus demselben Montepulciano entsteht auch der Cerasuolo, jener Rosé, den die Abruzzen nie als kleineren Wein behandelt haben.
Die Weißweine haben sich in einer einzigen Generation verwandelt. Trebbiano d'Abruzzo ist der historische Name, mit einer Qualität, die stark davon abhängt, welcher Trebbiano tatsächlich in der Flasche steckt. Daneben sind die fast verlorenen einheimischen Sorten zurückgekehrt — Pecorino, Passerina, Cococciola, Montonico —, ab den achtziger Jahren neu gepflanzt, und ein beträchtlicher Teil davon geht heute in Schaumwein: jede fünfte abruzzesische Flasche, die wir führen, ist ein Spumante.
Die Struktur der Erzeugung erklärt die Preise. Ein großer Teil der Ernte läuft über Genossenschaftskellereien und verließ die Region jahrzehntelang als Fasswein, um anderswo abgefüllt zu werden: Die Abruzzen haben lange sehr guten Wein verkauft, ohne den eigenen Namen mitzuverkaufen. Die Herkünfte der letzten zwanzig Jahre — die DOCG Colline Teramane 2003, der Cerasuolo als eigenständige DOC seit 2010 — dienen genau dazu, dem vormals pauschal Abruzzesischen eine genaue Adresse zu geben.